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Erfahrungsbericht aus dem Lessing-Gymnasium Uelzen

LaTeX als Mathematikschrift für Blinde am PC - ein Angebot für Interessierte

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Reiner Herrmann (Landesbildungszentrum für Blinde, Hannover)
Malte Oehlmann (Student (blind), Studiengang Informationswirtschaft, Universität Karlsruhe)
Volker Storck (Mathematiklehrer, Lessing-Gymnasium, Uelzen)

in: blind-sehbehindert 3/2003, Zeitschrift für das Sehgeschädigten-Bildungswesen VzFB, Bleekstraße 26, 30559 Hannover; bs ISSN 0176-7836

 

Inhalt:

 

 

Motivation für diesen Artikel

Vorrangige Motivation für unseren Artikel ist es, mit einer Skizze unserer konkreten Arbeit zur Anwendung von LaTeX zu ermutigen.

 

Anlass ist auch der Einschnitt, der sich durch den Wechsel eines der Verfasser von der Schule an die Universität ergibt, so dass eine Bilanz unseres "Feldversuches" im Umgang mit LaTeX sinnvoll erscheint.

Leider hatten die meisten Beiträge, die bisher zum Thema LaTeX veröffentlicht wurden eher abschreckenden Charakter und trugen zur Verunsicherung bei.

 

Unser Artikel soll aber weniger zur Diskussion anregen, als vielmehr das Ergebnis unserer Arbeit mit der Problematik "Mathematikschrift für Blinde am PC" skizzieren.

Wer auf der Suche nach einer durchdachten und in allen Teilen erprobten Lösung ist, wird sie hier finden, einschließlich einer Anleitung für den eigenen Einsatz (Anhang 2 (Größe: 143 kB; Downloads bisher: 5724; Letzter Download am: 19.10.2017) (Größe: 143 kB; Downloads bisher: 5724; Letzter Download am: 19.10.2017) und Anhang 3 -pdf- bzw. Anhang 3a -doc-  (unsere ausführliche Dokumentation zu LaTeX auf der Homepage des LBZB ))

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Ergebnis unserer Arbeit

Unsere Arbeit war durchgehend durch das übergeordnete Ziel geprägt, Blinde in Mathematik zu voller Kommunikationsfähigkeit, eingeschlossen die schriftliche, in einer Welt der Sehenden zu erziehen. Dieses Ziel ist insofern erreicht, als der blinde Mitverfasser als Student in der Lage ist, seit einem Jahr seinen Alltag weitgehend selbständig zu gestalten. Beispielsweise kann er durch seine guten LaTeX-Kenntnisse die Skripte, die er in Informatik, Mathematik und Statistik von den Dozenten erhält, direkt verwenden, da letztere dieses System standardmäßig verwenden. Um unsere Vorstellung verwirklichen zu können, haben wir drei Etappen zurückgelegt:

 

  • Zunächst lernte der Blinde, mathematische Konstrukte mit Hilfe des PC eindeutig zu notieren.
  • Im zweiten Schritt wurde die reine Verwendung der Syntax durch die Umsetzung in zweidimensionale Schwarzschrift-Ausdrucke erweitert.
  • Die dritte Etappe zielte auf die Vereinfachung der Abläufe, so dass der Blinde seine Kommunikation mit Sehenden vollständig selbst organisieren kann.

Der Blinde verfasst in der Praxis Word-Dokumente, in die LaTeX-Schreibweisen integriert sind. Er erzeugt die Schwarzschriftausdrucke für die Sehenden selbst. Von den Sehenden nimmt er Word-Dokumente entgegen, die der Sehende unter Verwendung der LaTeX-Syntax angefertigt hat.

Die in unseren Thesen (Anhang 1 ) zum Stand unserer Arbeit - diskutiert im Studienzentrum für Sehgeschädigte in Karlsruhe im September 2001, veröffentlicht anlässlich einer LaTeX-Fortbildung des VBS in Marburg im März 2002 - dargelegten Positionen können in zwei Punkten als überholt betrachtet werden:

 

  • Das Problem der Unterstützung des Blinden durch einen Assistenten
    (vgl. Anhang 1, These 8 ) wurde im Zuge der dritten Etappe gelöst. Der dabei verwendete Editor TeXShell gestattet dem Blinden bei einer Syntax-Fehlermeldung exakt auf den Fehler zuzugreifen; dies soll aber keinesfalls darüber hinweg täuschen, dass es für einen Sehenden um ein Vielfaches einfacher ist, Syntax-Fehler zu beheben.
    Da wir jedoch über einen Assistenten verfügen, unsere Schüler (aktuell zwei mit dem Leistungsfach Mathematik) sehr wenige Syntax-Fehler machen und wegen der besseren Austauschbarkeit von Dokumenten, arbeiten wir derzeit mit WinWord und einer ergänzenden dot-Datei (Normal-MiKTeX-Hm.dot (Größe: 226 kB; Downloads bisher: 15322; Letzter Download am: 19.10.2017) (Größe: 226 kB; Downloads bisher: 15322; Letzter Download am: 19.10.2017), zu Lasten der Tatsache, dass ein möglicher Syntax-Fehler von der LaTeX-Software im Word-Dokument nicht immer exakt lokalisiert wird.(vgl. Anhang 3 -pdf- bzw. Anhang 3a -doc-, Hinweis am Ende von S. 17 in der PDF-Datei. 
    Eine weitere Alternative wäre in WinWord die Auswahl des jeweiligen Quellcodes aus einem Menü vorzunehmen, was die Wahrscheinlichkeit eines Syntax-Fehlers auf ein Minimum reduziert. Auch hierfür ist die o. g. dot-Datei zuständig, in der die benötigten Quellcodes in Form von Makros enthalten sind.
    Eine dritte Variante ist, die gemeldeten Syntax-Fehler mit dem Suchbefehl von WinWord in ihrer Umgebung finden zu lassen.
  • Die formulierte eigene Unzufriedenheit (vgl. Anhang 1, These 10 ) mit einzelnen Regelungen ist eher als kleinkariert zu werten, denn der Unzufriedene war der sehende Mathematiklehrer, dem die eine oder andere Syntax (z. B. "bullet" für den dicken Punkt "●" im Skalarprodukt) lästig erschien, während sie für den Blinden selbstverständlich ist.

Wir können heute als Fazit festhalten, dass sich nach der Entscheidung für LaTeX
(vgl. Anhang 1, These 6 ) erwiesen hat, dass es durchgehend funktionstüchtig ist, einmal, weil es als einziges System eine Perspektive für mathematische wie auch naturwissenschaftliche Konstrukte von der Sekundarstufe I bis in die Universität bietet und für jede mathematisch/naturwissenschaftliche Schreibweise eine Lösung bereit hält, zum anderen weil der Blinde stets eindeutige Schreibweisen verfügbar hat.

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Einstieg in LaTeX

LaTeX ist in kürzester Zeit zu "erlernen". Erlernen steht deshalb in Anführungszeichen, da LaTeX fast selbst erklärend ist, was auch dadurch dokumentiert wird, dass es für den sehenden Fachlehrer, die Mitschüler sowie wechselnde Assistenten zu keiner Zeit ein Problem war, LaTeX verstehen bzw. selbst anwenden zu können.

Will man den Zeitbedarf für das Erlernen dieses Systems angeben, so lässt sich mit ruhigem Gewissen sagen, dass LaTeX einen winzigen Bruchteil der Zeit erfordert, die Blinde für den Schrift- bzw. Punktschrifterwerb aufwenden müssen.

 

Bei der Suche nach einem geeigneten Zeitpunkt für das Erlernen von LaTeX halten wir es für sinnvoll, in der Primarstufe zunächst mit der "Marburger Systematik" und der Bogenmaschine zu beginnen. So wird in einem Lernprozess begriffen (auch wortwörtlich verstanden), dass sich Mathematik in der Fläche abspielt (Beispiel: schriftliche Division). Dies ist unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass der Schüler danach trotz der eindimensionalen Schreibweise und der Reduktion auf die 40 Zeichen der Braillezeile eine Vorstellung von mathematischen Darstellungen hat.

 

Ist dieser Grundstein erst einmal gelegt und steht ein PC zur Verfügung, kann man ggf. schon in der Primarstufe problemlos mit dem LaTeX-Quellcode beginnen. Anfangs reduziert sich LaTeX auf weniger als 10 Befehle. Während dieser Zeit ist auch der flächige Ausdruck nicht zwingend erforderlich, so dass das LaTeX-Programm noch gar nicht zur Anwendung kommen muss.

Ab dem 5. Jahrgang könnte versucht werden, den flächigen Ausdruck zu erzeugen, indem die LaTeX-Software eingesetzt wird.

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Zur Diskussion über LaTeX

Anfangs haben wir geschrieben, die konkrete Arbeit mit LaTeX solle im Vordergrund dieses Beitrages stehen. Daher nur ein paar kurze Anmerkungen:

 

Die in der Diskussion geäußerte Kritik, einige Zeichen seien mit LaTeX nicht darstellbar [1], [2], ist nicht berechtigt. Selbstverständlich kennt LaTeX sämtlich Zeichen, es sei denn, es wird ein TeX-Programm aus dem vergangenen Jahrzehnt benutzt, das u. a. das Euro-Symbol nicht kennen kann.

 

Auch wird immer wieder herausgestellt, dass es sich bei LaTeX um ein Schriftsatzsystem handelt [3], das demzufolge ursächlich nichts mit Mathematik, Blindheit und PC zu tun habe. Dies ist zwar formal richtig, aber aus unserer Sicht nicht von Bedeutung, denn wie sich in unserem konkreten Fall gezeigt hat, leistet LaTeX genau das, was Blinde im Bereich der Mathematik benötigen: Die eineindeutige Zuordnung mathematischer zu linearen Darstellungen. Da sich LaTeX als Mathematikschrift auf wenige Layoutbefehle beschränkt, fällt die vor allem darauf aufbauende Argumentation in sich zusammen.

 

Jeder, der nur für Blinde ein System entwickeln will, das Vergleichbares wie LaTeX leistet, wird nur mit größtem Aufwand ähnliche Ziele erreichen. Im Gegensatz zu ihm hat der Anwender von LaTeX aber die Sicherheit, auf der Basis eines permanent gepflegten Standards zu arbeiten.

Wir jedenfalls verstehen LaTeX als Chance, als Geschenk. Es erfordert allerdings die Bereitschaft, sich auf den PC einzulassen und das System fortzuentwickeln.

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Pflege des LaTeX-Systems für Blinde

Anstelle einer sich im Kreise drehenden Diskussion über die "richtige" Mathematikschrift für Blinde, sollte der Fokus auf den konkreten Umgang mit LaTeX gerichtet werden.

 

Ins Zentrum der Arbeit gehört die Frage: "Wer pflegt LaTeX für Blinde", damit die Kommunikation mit der Welt der Sehenden im Hinblick auf die Mathematikschrift für die Zukunft problemlos bleibt?

Das bedeutet konkret: Welches Gremium

 

  • sucht aus der Fülle von Editoren stets nach dem sinnvollsten (aktuell: TeXShell)?
  • sucht regelmäßig nach einer sinnvollen Übersetzungsart (aktuell: pdflatex)?
  • legt für den deutschsprachigen Raum verbindliche Abkürzungen (Definitionen) fest?

Hinsichtlich des Problems der Abkürzungen kommen wir gern dem Postulat von Lorenz [1 ] nach, "einheitliche Definitionen festzulegen" und stellen unser "LaTeX-Lexikon" (Anhang 2 (Größe: 143 kB; Downloads bisher: 5724; Letzter Download am: 19.10.2017) (Größe: 143 kB; Downloads bisher: 5724; Letzter Download am: 19.10.2017) ) als Vorschlag zur Verfügung, das sich in den letzten Jahren bewährt hat. Wir haben uns darin auf ein Minimum an Definitionen beschränkt, damit LaTeX LaTeX bleibt. Es ist aber von untergeordneter Bedeutung, ob der eine oder andere zwei oder drei Abkürzungen mehr oder weniger verwendet, vorausgesetzt, sie sind in der Präambel des jeweiligen Dokumentes enthalten. Dazu sollte sich jeder, der mit LaTeX arbeitet, verpflichtet fühlen.

 

Ganz klar sei an dieser Stelle auch gesagt: Wenn versucht wird, den englischen Quellcode von LaTeX zu verdeutschen oder zu verstümmeln, ohne die Abkürzung formal zu definieren, geht der Bezug zum Geschriebenen schnell verloren. Dann ist LaTeX kein LaTeX mehr. Ganz wichtig bleibt, sich an den vorgegebenen Standard zu halten, um nicht in eine Insellösung zu verfallen.

 

Für konkrete Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.
Für Interessenten könnten wir versuchen, eine LaTeX-Fortbildung zu organisieren, in der es aber nicht mehr um die Frage "Welche Mathematikschrift für Blinde" gehen sollte, sondern vielmehr um den Themenkomplex "LaTeX in der Schule".

 

Über unser Kontaktformular können Sie Reiner Herrmann, Malte Oehlmann oder Volker Storck eine Nachricht hinterlassen:

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Literatur

An dieser Stelle sind lediglich die Quellen genannt, auf die wir uns in unserem Artikel beziehen. Eine umfangreiche Literaturliste zu LaTeX finden Sie auf der Homepage des LBZB.

 

[1]
Lorenz, Ernst-Dietrich, Dipl.-Mathematiker, DVBS Fachgruppe Mathematik
6-Punkt-Mathematikschrift und/oder LaTeX
Stellungnahme der DVBS Fachgruppe Mathematik zur Frage der für blinde Menschen zweckmäßigsten Notation mathematischer und naturwissenschaftlicher Ausdrücke;
in: blind-sehbehindert 4/2002

[2]
Heuer gen. Hallmann, Richard
Beliebt, unbeliebt, beliebig - 6- oder 8-Punkt-Braille
in: horus 6/2001

[3]
Klaus, Joachim / Jaworek, Gerhard / Zacherle, Michael
Mathematikschrift für Blinde - so einfach ist das Problem nicht!
in: blind-sehbehindert 2/2001

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